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Gesundheitsnetzwerk PORT: Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Kooperative Versorgungsmodelle haben Zukunft. So treibt der Hausärztinnen- und Hausärzteverband das „Hausärztliche Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell“, kurz HÄPPI, voran. In Hessen gibt es bereits ähnliche Konzepte, zum Beispiel das Gesundheitsmodell Curandum für 21.000 Menschen in abgelegenen Stadtteilen Wiesbadens, das wir bereits vorgestellt haben. Oder das regionale Gesundheitsnetzwerk PORT Willingen- Diemelsee e. V., das mehr als 40 Leistungserbringer verbindet. Das innovative Modell entlastet Ärzte – und lockt sogar medizinischen Nachwuchs nach Nordhessen.

Willingen, 17.6.2024. „Als Hausarzt habe ich einen Versorgungsauftrag – und dazu gehört auch vieles an sozialer und sozialmedizinischer Arbeit, die ohne ein Netzwerk wie PORT es bietet, heutzutage wohl auf der Strecke bleiben würde“, sagt Dr. Dirk Bender. Der 56-jährige ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Sportmedizin, Chirotherapie, Palliativmedizin, Notfallmedizin – und ärztlicher Leiter im Gesundheitsnetzwerk PORT Willingen-Diemelsee. Rund 11.000 Menschen leben in den beiden Gemeinden am westlichen Rand von Nordhessen. Die Region an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen gilt als strukturschwach, wie vielerorts ziehen junge Menschen weg, ihre Eltern sind im Krankheits- oder Pflegefall auf sich gestellt.

Bender, der auch erster Vorsitzender des Bezirks Waldeck im Hausärzteverband Hessen ist, kennt die Region wie seine Westentasche. Er ist dort aufgewachsen und nach dem Studium in Freiburg zurückgekehrt. Seit 2003 arbeitete er zunächst als Hausarzt in der Gemeinschaftspraxis Bender, Flake, Woywood, nach dem Ausscheiden von Dr. Flake seit Januar 2023 mit Dr. Marc Garbrecht in Willingen. Schon ab 2006 begannen nach und nach hausärztliche Strukturen wegzubrechen: „Als ich anfing, gab es hier noch sechs Allgemeinmediziner. Im Jahr 2012, als die Idee zu PORT entstand, waren es nur noch wir drei“, sagt Bender.

Sie arbeiten im Netzwerk PORT Willingen zusammen, von links: Versorgungslotsin Ingrid Potthoff, Caroline Rutkowski, stellvertretende Pflegedienstleiterin Pflegehotel Willingen, Dr. Dirk Sender, Hausarzt und erster Vorsitzender des Bezirks Waldeck im Hausärzteverband Hessen, Gesundheitslotsin Viktoria Biedermann und Susanne Canisius, Case-Managerin im Pflegehotel.

Patientinnen und Patienten frühzeitig unterstützen

Ursprünglich war PORT ein Projekt der Robert-Bosch-Stiftung mit dem Ziel, die ambulante Primär- und Langzeitversorgung zu verbessern. Mittlerweile ist PORT Willingen-Diemelsee ein eingetragener Verein, der Name steht für „Patientenorientiertes Zentrum zur Primär- und Langzeitversorgung“. Dem Netzwerk gehören Arztpraxen, Vertreter der Kommunen, Apotheken, Sanitätshäuser, Physiotherapeuten, rehabilitative Kurzzeitpflege- und Tagespflege, Seniorenheime und ambulante Pflegedienste an. Auch mit den Kliniken im Umkreis arbeitet das Netzwerk zusammen. PORT will erreichen, dass Patientinnen und Patienten – egal welcher Altersgruppe – möglichst frühzeitig durch professionelle, aber auch ehrenamtliche Strukturen unterstützt und begleitet werden. Ein wesentliches Ziel ist es, Versorgungsstrukturen so weiterzuentwickeln, dass die Angebote, die es bereits gibt, vernetzt und so besser nutzbar gemacht werden – damit die Betroffenen möglichst lange im eigenen Zuhause bleiben können.  

PORT bündelt Kompetenzen

PORT bündelt die Kompetenzen verschiedener Gesundheitsberufe und will damit eine niedrigschwellige Anlaufstelle sein. Finanziert wird das Netzwerk zu 100 Prozent aus Fördermitteln. Die kamen in den ersten Jahren von der Robert-Bosch-Stiftung, später auch vom Hessischen Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege und den hessischen Pflegekassen.

„Die Idee ist, alle Einwohner unserer Gemeinden Diemelsee und Willingen vom Lebensanfang bis zum Lebensende zu begleiten“, erklärt PORT-Gesundheitslotsin Viktoria Biedermann. So bietet der Verein zum Beispiel unter dem Motto „Gesund aufwachsen“ einen jährlichen Bewegungsparcours für Kindertagesstätten in der PORT-Geschäftsstelle im ehemaligen Kurpavillon an. Und es gibt Vortragsreihen zu Themen wie Demenz, Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht. Um alle Angebote möglichst passgenau zuschneiden zu können, tauscht sich PORT Team bei vielen Gelegenheiten mit Bürgerinnen, Bürger, Patientinnen, Patienten, Familienangehörigen und Ehrenamtlichen aus, sagt Biedermann.

Dr. Bender beschreibt, wie PORT zum Beispiel ältere Menschen, deren Söhne oder Töchter weggezogen sind, unterstützt: „Wenn der Vater nach einem Sturz einen komplizierten Bruch erlitten hat und die Kinder weit entfernt leben, so dass sie sich nicht vor Ort um alles kümmern können, wird unser Netzwerk aktiv“. Hier tritt die Versorgungslotsin in Aktion.

Versorgungslotsinnen ermitteln die passenden Hilfen

Wo finden überforderte oder weit entfernt lebende Angehörige Unterstützung? Wie beantragt man einen Pflegegrad? Wie kommen Pflegebedürftige an finanzielle Hilfe, um die Stolperfalle im Flur zu beseitigen? Wo gibt es nach einem Krankenhausaufenthalt schnelle Hilfe, um wieder in den Alltag zu kommen? „Ich plane gemeinsam mit den Patientinnen, Patienten und ihren Angehörigen die nächsten Schritte, vermittele Ansprechpartner und passende Hilfsangebote wie etwa einen Pflegedienst oder eine Haushaltshilfe. Ich kümmere mich auch um Rezepte und Verordnungen“, erklärt Ingrid Potthoff. Die gelernte Krankenschwester und Pflegedienstleiterin hat Case Management studiert – doch weil „Case Managerin“ so abstrakt klingt, heißt sie bei PORT „Versorgungslotsin“. Rund 300 Personen unterstützen sie und ihre Kollegin in Diemelsee pro Jahr.

Schwerpunkt liegt auf Prävention

Es geht allerdings nicht nur um die Akutversorgung: „Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Prävention“, betont Potthoff. „Wenn wir früh genug Schwierigkeiten in der eigenständigen Lebensführung erkennen, können wir erreichen, dass jemand möglicherweise erst später ins Krankenhaus oder Pflegeheim muss.“ So verschafft sie sich einen Überblick über die Gegebenheiten vor Ort: Ist die Wohnung barrierefrei? Kommt der Betroffene alleine zurecht? Welche Medikamente und Hilfsmittel werden benötigt?

Bei den ersten Besuchen überreicht Ingrid Potthoff auf Wunsch eine Notfallmappe, die gemeinsam mit Rettungsdiensten konzipiert wurde. Darin sind unter anderem Medikamentenpläne oder Patientenverfügungen zu finden. „Die Notfallmappe wird sehr gut angenommen und nachgefragt“, sagt sie.

Pflegehotel Willingen: bundesweit einmaliges Angebot

Ist eine Kurzzeitpflege unumgänglich, kommt das Willinger Pflegehotel ins Spiel. Neben den Pflegeleistungen bietet die Einrichtung tägliche Rehabilitationsmaßnahmen an und gilt damit als bundesweit einmalig. 56 Plätze für Pflegebedürftige und zehn Plätze für Angehörige hat das Pflegehotel derzeit. Zudem gibt es eine Tagespflege mit 31 Plätzen. „Wir bieten eine rehabilitative Kurzzeitpflege an, deren Ziel es ist, unsere Gäste wieder zu stabilisieren und eine Dauerpflege zu vermeiden“, erklärt Caroline Rutkowski, die stellvertretende Pflegedienstleiterin. Wichtig: Man spricht hier von Gästen, nicht von Patientinnen oder Patienten.

Gleichzeitig sollen deren Angehörige, die die häusliche Pflege stemmen, sich erholen. „Dazu verknüpfen wir Rehabilitation, Therapie und Pflege“, erklärt Susanne Canisius, die als Case-Managerin des Pflegehotels eng mit PORT-Versorgungslotsin Ingrid Potthoff zusammenarbeitet. Die pflegenden Angehörigen können zum Beispiel eine offene Badekur machen, während ihre pflegebedürftigen Angehörigen in derselben Einrichtung betreut werden. „Dieses Angebot ist so nachgefragt, das es Monate im Voraus ausgebucht ist“, sagt Rutkowski.

Unter dem Dach des Pflegehotels gibt es eine Physiotherapiepraxis und ein Begegnungscafé, beides steht der Willinger Bevölkerung ebenso offen wie Präventionsangebote vom Gerätetraining bis zur Wassergymnastik und von der Salzgrotte bis zur Lichttherapie.

Entlastung für den Hausarzt

Ärztlich betreut werden die Gäste des Pflegehotels bei Bedarf von Dr. Bender und Dr. Garbrecht, deren Praxis ganz in der Nähe liegt. Für das Praxisteam ist die Arbeit des PORT-Netzwerks eine wertvolle Unterstützung – und eine Entlastung: „Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen auch Tätigkeiten, um die ich mich früher quasi ehrenamtlich gekümmert habe.“ Zudem locke die umfangreiche Vernetzung sogar den ärztlichen Nachwuchs nach Nordhessen. Aus Sicht von Hausarzt Dr. Bender ist vor allem das Prinzip des aufsuchenden Casemanagements durch Hausbesuche, das bei PORT gelebt wird, ein großer Vorteil gegenüber den Gesundheitskiosken: „Dort müssen die Bürger hinkommen“.